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Drama der neunziger Jahre im Deutschunterricht der Oberstufe
Vorbemerkung
“Postdramatisches Theater ist Theater nach dem Drama (...)” könnte die Kernaussage der aktuellen Forschung zum Theater der 70er bis 90er Jahre dieses Jahrhunderts sein. Ein entschiedener Vertreter dieser Auffassung ist der
Frankfurter Professor Hans-Thies Lehmann (Hans-Thies Lehmann: Postdramatisches Theater. Essay. Frankfurt am Main 1999). Er nennt das Theater der Antike “prä-dramatisch” und die gegenwärtigen Formen werden von ihm als “postdramatisch” bezeichnet. In seinem sehr fein gegliederten 500-Seiten-Buch
fehlen allerdings Textanalysen. Clemens Kammler, der zusammen mit Almut Hoppe in den Mitteilungen des “Deutschen Germanistenverbandes" im Heft 3/01 das Themenheft “Zeitgenössisches Theater und Unterricht”
veröffentlichte, wird 2003 in einem entsprechenden Themenheft der Zeitschrift “praxis deutsch” neben dem postdramatischen auch weitere Formen des Gegenwartstheaters beschreiben. Er lehnt entsprechend Lehmanns pauschale Bezeichnung
für Gegenwartsdramatik ab. Folgende Aspekte werden nur dargelegt:
1. Schule und aktuelle Spielpläne Wie in der Erzählliteratur der 90er Jahre bildet sich derzeit eine Kanonisierung heraus. Urs Widmer
legte 1997 mit “Top Dogs” ein Stück vor, das ähnlich erfolglich war wie die Prosatexte von Schlink oder Ingo Schulze. Die
Schließlich widersetzen sich moderne Stücke den traditionellen Wahrnehmungsmustern. Ihr Prinzip ist die Dissoziation. Die Zerrissenheit von individueller Erfahrung und Wahrnehmung steht im Mittelpunkt der Stücke.
In postdramatischen Stücken hat der Text eine gleichberechtigte Stellung neben dem Tanz, der Gestik und der Musik. Im Deutschunterricht der Oberstufe steht der Text eher im Vordergrund. Doch die Methoden der
Texterschließung haben sich ausgeweitet. Die Theater in Schleswig-Holstein wie die Die Rahmenbedingungen in Berlin soll ein weiteres Beispiel deutlich machen: Im Oktober 2000 fand in Berlin
zum vierten Mal ein internationales Festival des postdramatischen Theaters statt.. Unter dem Titel der Veranstaltung Das Theater Europas war Jahrhunderte durch Reden und Taten geprägt, während das indische Theater oder das japanische No-Theater Tanz, Chor oder Musik ins Zentrum stellt.
Das klassische Theater verfügt über das Konzept eines begrifflich Ganzen, während das neue Theater eher additiv ist. Auch die Theateransätze der Moderne seit 1900
dienten überwiegend der Darstellung von Textwelten. Erst Brecht, Mejerchol’d und Artaud wollten mit ihren unterschiedlichen Formen des
Brecht bildet den Ausgangspunkt des modernen Theaters. Seit Brecht hat ein Wechsel der Wahrnehmung vom Linear-Sukzessiven zum Simultanen, von der oberflächlich orientierten zur umfassenden Wahrnehmung
stattgefunden. Dürrenmatt und Frisch knüpfen an Brecht an, sie teilten allerdings seinen Geschichtsoptimismus nicht.
Seit den 70er Jahren entsteht - mit der sich entfaltenden Mediengesellschaft - ein neues Theater. Das Untersuchungsfeld wird
Das Theater hat seit den 70er Jahren eine Tendenz zur Selbstreflexion und Selbstthematisierung. Eine
geschlossene Theorie der Postdramatik gibt es nicht. Es kann lediglich der gegenwärtige Prozess beschrieben werden, der durch Destruktion, durch Pluralität, durch ein Theater der Gesten und Bewegungen
geprägt ist. In der Literatur werden vielfältige Merkmale genannt wie Theater als Prozess; Diskontinuität, Perversion, Nicht-Textualität, Pluralismus, Vielfalt der Codes, Subversion, Dekonstruktion, Widerstand gegen
Interpretation, Verzicht auf Diskursivität, dafür Meditation, Gestualität, Rhythmus, leerer Raum und Schweigen. Die Autorinnen Schwab, Das Publikum ist jünger geworden und die Spielorte haben sich verändert (Kampnagel, Hebbeltheater, Szene in Salzburg TAT in Frankfurt usw.)
Heiner Müller meinte einmal, es gäbe nur einen postmodernen Dichter, nämlich August Stramm, der sei nämlich bei der Post beschäftigt gewesen. Die Skepsis ist berechtigt. Das Theater der Bilder, Mixed
Media, Multimedia und Performance wendet sich nicht grundsätzlich von der Moderne ab, sondern von der Tradition. Für die im Wesentlichen experimentelle Arbeit, in der sich Tänzer, Graphiker, Musiker, Schauspieler
und Architekten zusammenfinden, ist deshalb der Begriff des Projekttheaters gebräuchlich geworden. Heiner Müller wünscht sich ein Theater ohne Dramaturgie. Er sieht die Möglichkeiten der Collage nicht ausgeschöpft. Das Präfix "post" verweist darauf, dass dieses Theater aus der Moderne heraustritt. Deutschunterricht muss sich den oben angedeuteten Entwicklungen öffnen. Dazu soll im 3. Kapitel
zunächst die Vorgeschichte des postdramatischen Theaters untersucht werden. Literaturhinweise:
3. Die Entstehung des postdramatischen Theaters Das “Urdrama”, das “Urtheater” (siehe auch: Euripides: Medea), d.h. frühe rituelle Theaterformen waren mit der
Verwendung von Masken, Kostümen und Requisiten affektiv hochbesetzte Vorgänge, in denen die Jagd oder Fruchtbarkeit im Mittelpunkt stand. Tanz, Musik und Rollenspiel bildeten eine Art Text im Unterschied zum
neuzeitlichen “literarischen” Theater (siehe auch: Heinz Kindermann: Das Theaterpublikum der Antike, Salzburg 1979), in dem der Text als Sinnangebot die kaum mehr angefochtene Führungin der kulturellen Hierarchie
übernommen hat. Die anderen Theatermittel haben ihm zu dienen. Das postdramatische Theater bemüht sich wiederum um eine Enthierarchisierung der Darstellungsmittel.
In den Theaterutopien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden Versuche unternommen, Theater als kultische Handlung in Abgrenzung gegen den “Mimus”, die Nachahmung von Realität, zu verstehen, in der Tanz,
Akrobatik, Jongliertechnik, Seiltänzerei, Taschenspielerei, Ring- und Faustkampf, Spiel mit dressierten Tieren, Singspiel oder Maskenreiden ihren Platz haben.
Heiner Müller formuliert als das entsprechende Grundelement des Theaters die Verwandlung: “Das Wesentliche am Theater ist die Verwandlung. Das Sterben. Und die Angst vor dieser letzten Verwandlung ist allgemein, auf
die man sich verlassen, auf die kann bauen.” (Alexander Kluge/Heiner Müller: Ich bin ein Landvermesser. Hamburg 1996, S.95) Analogien der Metamorphose lassen sich in postmodernen Romanen von Walter Benjamin schreibt: “ Das Mysterium ist im Dramatischen dasjenige Moment, in dem dieses aus dem
Bereiche der ihm eigenen Sprache in einen höheren und ihr niemals in Worten, sondern einzig und allein in der Darstellung zum Ausdruck kommen, es ist das “Dramatische” im strengsten Verstande.” (Walter Benjamin:
Gesammelte Schriften I, 1, Frankfurt/Main 1974, S. 200 f.)Benjamin stellt das Dramatische so in den Zusammenhang des körperlichen Wettkampfes. 3.1. Das Theater als Experimentierfeld ab 1900
Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts war das dramatische Theater von einer langen Blüte des ausgearbeiteten Diskurses bestimmt. Shakespeare, Racine, Schiller, Lenz, Büchner, Hebbel, Ibsen oder Strindberg entwickelten sehr unterschiedliche Erscheinungsformen des Diskurses. Die Wandlung hin zum postdramatischen Theater vollzog sich in mehreren Etappen:
3.1.1. Erste Phase der Vorgeschichte: Das “reine Drama” und die Abweichungen: Im Mittelpunkt des “reinen” Dramas steht die objektive Bedeutung des Helden, des Individuums
. Die Möglichkeiten der menschlichen Realität werden im Bühnendialog sprachlich zur Geltung gebracht. Bereits im
3.1.2. Zweite Phase der Vorgeschichte: Die Krise des Dramas Eine sich radikal wandelnde Lebenswelt seit etwa 1880 zu Beginn der Gertrude Steins oder Antonin 3.1.3.. Die Herausbildung des postdramatischen Theaters
Mit Brechts Episierung in den Straßenszenen findet eine Umdefinierung der Kommunikationssituation Theater statt. Mit der direkten Ansprache an das Publikum (Handkes “Publikumsbeschimpfung”) beginnt die Entfernung
des Theaters von der dramatisch-dialogischen Gestaltung. Während in Brechts Stücken die Fabel noch im Mittelpunkt steht, lässt sich bei Beckett, Handke, Strauß oder Müller nicht einmal mehr die Textform verstehen.
Das postdramatische Theater ist ein post-brechtsches Theater. 3.2. Aspekte des postdramatischen Theaters 3.2.1. Text und Handlung
Im postdramatischen Theater wird der Text zum gleichtberechtigten Bestandteil eines gestischen, musikalischen und visuellen Gesamtzusammenhanges. Der Text verliert nicht an Bedeutung, sondern öffnet sich lediglich dem
Theater. Das Wort wird im Zusammenhang des Klangs, des Sich-an-den Zuschauer-Wendens betrachtet. Analog zur Mediensprache geschieht dieses jedoch nicht dialogisch sondern vielstimmig. Das traditionelle Drama setzt
auf den Diskurs, auf Tempo, Dialektik, Debatte und Lösung. Im postdramatischen Theater tritt der dramatische Konflikt zurück hinter das Aussprechen, den Nach-Klang, die Meditation oder die Verhinderung von
Kontemplation durch aggressive Konzepte. An die Stelle einer dramatischen Ausrichtung an den Linien einer Geschichte soll durch die Montage virtueller Räume eine poetische Sphäre der Konnotationen treten.
In der Schaubühnen-Inszenierung der “Iphigenie in Taurus” 1998 wird der Bericht vom Schrecken des Mythos zu einer leisen szenischen Kontemplation
des Unerträglichen. Eine Kafka-Bearbeitung eines italienischen Avantgardetheaters bestand so nicht in der “modernen” Illustrierung
des Textes, sondern in Improvisationen entwickelten die Schauspieler persönliche Gesten, die im Text ein Echo suchen. Die Akteure verkörpern nicht bestimmte Figuren. Vielmehr findet der irreale Raum im Kafka-Text
Entsprechungen in kippbaren Kästen, drehbaren Wänden oder im Wechsel von Schattenspiel und Körperpräsenz. So entsteht eine “kafkaeske” Gesamtatmosphäre. Sprache wird u.U. auch als unverständlicher
Vorgang bewusst gemacht, indem Einar Schleef seinen Frankfurter “Faust” sehr fremdländisch sprechen lässt. 3.2.2. Bühne und Raum
Die Bühne erscheint als Tableau, wo Zuspitzungen und Höhepunkte vermieden werden. Statik und eine
Sparsamkeit der Mittel kennzeichnen die Kulisse. Der Raum bekommt eine besondere Bedeutung. Theater wird so zur räumlichen und szenischen Gedächtsnisarbeit.Vor 30 Jahre begann Robert Wilson mit seinem Theater,
das an Lewis Carrolls “Alice im Wunderland” erinnert. Er nennt die Verwandlung des Bühnenraums in Landschaft “Audio-Landscape”. Lichtwechsel oder Transparentmalerei korrespondieren mit parallel geführter Sprache. Der
Zuschauer entwickelt eine montierende Phantasie. Die gewohnten Hierarchien des dramatischen Raums (Ort des Gesichts, bedeutende Geste, Konfrontation der Antagonisten) werden aufgebrochen. Der Zuschauer entscheidet,
wie er seinen Blick fokussieren will. Klaus-Michael Grüber ließ 1995 z.B. zwischen den Gräbern Weimars auf dem Friedhof Jorge Semprúns vielschichtigen Text “Bleiche Mutter, zarte Schwester” umsetzen, der zwischen Goethe, Buchenwald, Stalin, Brecht und ethnischer Säuberung in Bosnien kreuzt .3.2.3. Die Zeit Die knappe Zeit ist das Grundmodell des Dramas. Hinter ihr steht die Grenze des Lebens.
Das dramatische Theater war mit dem Heraustreten des Zuschauers aus seiner Alltagszeit verbunden. Er tritt in eine “Traumzeit” ein. Im epischen Theater will Brecht, dass der Zuschauer in seiner Zeit die Bühnenvorgänge
reflektiert. 1974 erscheint Samuel Becketts “The Time”, eine Parodie auf die Einheit von Zeit, eine Darstellung des Zerfalls des Zeiterlebens. Die innere Kontinuität existiert für die Handelnden nicht mehr. Die
postdramatische Ästhetik will die Realzeit nicht als Illusion sondern als einmalige Erfahrung der Zeitverzerrung in den Formen der Verlangsamung, der Beschleunigung, der Simultaneität oder der Collage z.B. Anlehnung an die Videoclip-Ästhetik, Multimedia-Spektakel.
3.2.4. Die Körper In keiner anderen Kunstform steht der Körper so sehr im Zentrum wie im Theater. Die Bühne symbolisiert die
Gefährdung der Menschen und ihrer Körper.
Fitness, Erfolg oder Status machen Körper heute zu entsinnlichten Zeichen. Postdramatisches Theater thematisiert den Körper selbst . An die Stelle mentaler Duelle treten Prozesse zwischen Körpern.. Körperliche
Motorik oder ihre Behinderung, Gestalt oder Unförmigkeit werden sichtbar. :Der Schauspieler ist kein Interpret, er stellt sich selbst dem Publikum. Postdramatische Körperbilder sind:
3.2.5. Medien Die klassische Moderne stand bereits im Zeichen der Bilderherrschaft (Photographie, Film). Heutige multimediale
Präsentation verändert einerseits das Modell des Empfangens und Sendens, indem die Menschen zu produktiven “Usern” werden, die von den Medien fasziniert sind, andererseits drückt der falsche Schein der Zugänglichkei
eine neue Entfremdung aus (über Frau Christiansen oder ‘Big Brother’ wird wie über Nachbarn oder Verwandte gesprochen). In diesem Zusammenhang können Techniken wie Mixed Media, Multimedia oder Video die Illusionierung darstellen. Zusammengefasst sind Unterschiede zwischen dramatischen und postdramatischem Theater so zu umreißen:
Perspektiven Im Mittelpunkt des Deutschunterrichts steht der Text. Gegenwärtig findet eine Rückkehr zum Text statt. An fünf neueren Stücken von Widmer, Jelinek, Heiner Müller ,Strauß und Mayenburg sollen jüngere Entwicklungen sichtbar werden.Linksammlung zum deutschsprachigen Theater nach 1945 |
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