Heiner Müller: Germania Tod in Berlin

Im Mittelpunkt der traditionellen Dramenanalyse steht üblicherweise die Struktur z.B. auf den Ebenen

Handlung  Figuren  Dialog  Raum- und Zeitgestaltung.

Der moderne Theatertext  muss jedoch mit anderen Methoden untersucht werden. Das äußere Kommunikationssytem und das ästhetische System des Textes werden zu betrachten sein. Sämtliche Mittel der theatralen Darstellung im Sinne der Aspekte 3.2. der Seite “Drama der 90er Jahre” sind in diesem Zusmmenhang wichtig. Dieses soll nun am Beispiel des Müller-Textes geschehen:

1. Bedeutung des Sprechtextes

Von der äußeren Form verwendet der Text das Druckbild des Dramas, doch existieren vielfältige Brechungen. Der Sprechtext ist einerseits Textträgern zugeordnet. Andererseits verwendet Müller Ansätze von Sprachflächen wie die Szene BRANDENBURGISCHES KONZERT 1, eine Technik, die Elfriede Jelinek später in Wolken.Heim.24 weiterentwickelt, deren Funktion das Spiel mit Wortmaterial ist. Der Begriff “Sprachfläche” wird ebenso im Druckbild sichtbar wie auch das Publikum den Text als Klangmaterial erlebt.

2. Dialog versus Diskurs

Während das wichtigste Element des dramatischen Textes der Dialog ist, sind neue Texte von Diskursen durchzogen. Äußerungen psychologisch individuell gezeichneter Figuren treten zugunsten von Formulierungen zurück, die der Autor den Schauspielern in den Mund legt. Das Geschehen auf der Bühne wird zum vielstimmigen Polylog, die gesellschaftlichen Diskurse werden nebeneinandergesetzt. Begriffe des Geschlechterkampfes, der Macht und der Politik, der deutschen Geschichte und des Krieges durchziehen das ganze Stück.

3. Liedtitel, Parolen und Manifestationen

Im Text findet man überall Liedtitel, Parolen und Allgemeinplätze. Meist sind sie in Großbuchstaben gedruckt. Die Entwicklung von Revolutionsparolen zum Volks- und Kirchenlied über manipulativ verwendete klassische Literatur bis hin zur Propaganda des Dritten Reiches oder Märchen- und Lithurgiezitate stehen in manchen Szenen in einem inneren Strukturenzusammenhang. Die Großschreibung der Textvorlage wird in gesungene, geschrieene und laut gesprochene Sprache umgesetzt werden.

4. Intertextualität

Müller zitiert Vergil (S. 25f.), Tacitus (S. 36f.) und Georg Heym (S. 44). Die Funktion der Zitate erklärt sich einmal aus der Fabel des Textes. So bildet die aggressive Aufbruchs- und Erneuerungsutopie des Vergiltextes eine Scharnierstelle zwischen der Szene HOMMAGE A STALIN 2 und DIE HEILIGE FAMILIE. Das Tacitus-Zitat verbindet DIE BRÜDER 1 und DIE DRÜDER 2, Das Georg-Heym-Gedicht verbindet TOD IN BERLIN 1 und 2.  Der Autor spricht hier direkt mit den Rezipienten.

Weiter ließe sich das System der Titel und Untertitel, der durch die Regieanweisungen erzeugte Rhythmus des Stückes oder die Zeitstruktur des Stüches betrachten.

Die rein inhaltliche Textinterpretation greift - wie diese kurze Darstellung zeigt - zu kurz, ohne dass sie falsch ist. Die Beachtung von Sprachflächen oder die Beschreibung von Rhythmisierungen erweitert die Wahrnehmung und trägt zu einem umfassenderen Inszenierungsverständnis bei.